Drei Fragen, die man stellen muss, bevor man Parolen glaubt.
Wenn Politiker wie z.B. Katharina Reiche oder Markus Söder sagen „Deutschland muss länger arbeiten“ und „es wird zu schnell krankgeschrieben“, klingt das erstmal nach gesundem Menschenverstand. Genau deshalb funktioniert es so gut – und genau deshalb muss man es sauber auseinandernehmen. Nicht mit Empörung, sondern mit drei einfachen Fragen.

- Von welcher Arbeitszeit reden wir eigentlich?
„Die Deutschen arbeiten zu wenig“ kann alles heißen – und meistens ist das Problem: Es wird nicht gesagt, welche Zahl gemeint ist. Vollzeit? Durchschnitt über alle? Pro Kopf? Pro Erwerbstätigem?
Fakt ist: Vollzeit-Erwerbstätige arbeiten in Deutschland 2024 im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche – praktisch EU-Niveau. Der niedrigere Schnitt über alle Erwerbstätigen (34,3 Stunden) kommt vor allem daher, dass Teilzeit stark reinzählt.[1]
Wenn also „mehr arbeiten“ gemeint ist, geht es in der Realität sehr oft um: mehr Stunden aus Teilzeit heraus. Und dann bist du nicht bei moralischen Appellen, sondern bei Kinderbetreuung, Pflege, Steueranreizen für Zweitverdiener und planbaren Arbeitszeiten. Wer das weglässt, verkauft ein Schlagwort, keine Lösung.
- Steigt der Krankenstand – oder sieht man ihn nur besser?
Markus Söder fordert Karenztage und eine frühere Attestpflicht (z. B. ab Tag 3) und begründet das damit, es werde „zu oft und zu schnell krankgeschrieben“. [2]
Das Problem: Die Statistik hat sich verändert. Seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsmeldung (eAU) werden Krankmeldungen vollständiger erfasst; vorher gab es gerade bei kurzen Erkrankungen eine „Dunkelziffer“. [3]
Und selbst dort, wo Fehlzeiten hoch sind, ist es nicht automatisch „Blaumachen“. Die DAK zeigt für 2024: pro Kopf 19,7 Fehltage (leicht weniger als 2023). Gleichzeitig mehr Fälle, aber kürzere Dauer pro Fall. [4]
Das sieht eher nach „viele Infekte/kurze Ausfälle“ aus als nach einer Nation, die kollektiv die Hängematte entdeckt hat.
- Was sind die Nebenwirkungen von Karenztagen und frühem Attest?
Karenztage klingen nach „Anreiz setzen“. In der Praxis heißt es aber: Wer krank ist, verliert sofort Geld – und geht eher krank zur Arbeit. Das ist nicht tugendhaft, sondern schlicht riskant: für die Betroffenen, für Kollegen, für Kunden.
Und „früheres Attest“ ist ohnehin kein Zauberstab. Arbeitgeber dürfen schon heute früher einen Nachweis verlangen (§ 5 Entgeltfortzahlungsgesetz).
Mehr Pflichten bedeuten dann oft vor allem: mehr Arztkontakte für Bagatellinfekte, mehr Bürokratie, mehr Druck – aber nicht automatisch weniger Krankheit.
Wenn man wirklich mehr Arbeitskraft mobilisieren will, führt der Klassiker nicht über moralische Sprüche, sondern über Rahmenbedingungen: bessere Betreuung, weniger Fehlanreize für Zweitverdiener, verlässliche Arbeitszeiten. Genau da liegt in Deutschland viel Potenzial – gerade bei Frauen in Teilzeit, wo strukturelle Hürden seit Jahren diskutiert werden.
Ja: Demografie und Finanzierung von Rente und Gesundheit sind echte Probleme. Söders Grundgefühl ist nicht komplett aus der Luft gegriffen. Aber seine Forderungen sind zu grob und unterschlagen die entscheidenden Details: Was genau soll wer wie viel mehr arbeiten? Welche Hürden verhindern das? Und welchen Preis zahlen wir, wenn „weniger krank“ am Ende nur „krank arbeiten“ heißt?
Quellen: Statistisches Bundesamt; Tagesspiegel; GKV-Spitzenverband; DAK Gesundheit;